Ziele der Kampagne

Menschen mündig machen

Betreuung braucht Profis

Frau T. erzählt mühsam. Nach einem schweren Schlaganfall musste die 60-Jährige ihre Wohnung aufgeben. „Ich habe immer gearbeitet und für mich gesorgt. Plötzlich war ich im
Pflegeheim, in einem Zweibettzimmer.“ Ein Häufchen Elend sei sie gewesen, erinnert sich ihre Betreuerin Frauke Schmidt* an die erste Begegnung. Sie handelte. Ordnete die Unterlagen,
regulierte Schulden und kämpfte mit dem Sozialamt um die Kostenübernahme für ein Einzelzimmer in einem anderen Pflegeheim.

Niemand wird entmündigt

Die Mitarbeiterin des Diakonievereins Vormundschaften und Betreuungen e.V. in Hamburg hat einen Moment überlegt, ob sie über ihre Arbeit sprechen soll. Meistens werde über Fehler oder schlecht arbeitende Betreuer berichtet. „Da ist viel Unwissen im Spiel.“ Als Betreuerin handle sie im Auftrag der Betreuten. Wenn jemand als Messi leben wolle, dürfe sie nicht einfach für Ordnung sorgen. „Betreuung ist eine Gratwanderung. Ich muss mich in den anderen Menschen hineindenken und in seinem Sinne handeln.“ Betreut sein heißt nicht, entmündigt sein.

Dieser Beruf enthalte „das pralle Leben“. Das reizte die Diplom-Sozialpädagogin, als sie nach der Erziehungspause Arbeit suchte. „Ich begegne Menschen, setze mich mit Behörden auseinander und muss immer auf dem neusten Stand der Rechtsprechung sein.“ Gemessen an den Anforderungen seien die Vergütungspauschalen inakzeptabel. Seit vierzehn Jahren wurden sie nicht erhöht. Viele Betreuer übernähmen deshalb mehr Aufträge. „Ein Teufelskreis“, weiß Frauke Schmidt. Auch dieser Missstand schädige das Ansehen des Berufs.

Vertrauen ist die Basis

In vielen Fällen könnten ehrenamtliche Mitarbeiterinnen für Entlastung sorgen. Der Diakonieverein sucht händeringend Freiwillige. Sie werden intensiv angeleitet und begleitet. Das Ehrenamt sei kein Ersatz für Professionalität, sondern sei auf professionelles Knowhow angewiesen.

Wenn die Betreuerin Frau T. besucht, wird sie sehnlich erwartet. Sie sei die einzige vertrauensvolle Kontaktperson. „Da gibt es eine falsche Vorstellung. Viele halten uns für einen Besuchsdienst. Oder einen Ersatz für Angehörige und Freunde. Ich bin schon froh, wenn ich Betreute einmal im Vierteljahr aufsuchen kann.“ Umso wichtiger sind diese persönlichen Gespräche. Mit ihrer Betreuerin im Rücken hat Frau T. gelernt, ihre Bedürfnisse zu formulieren. „Sie gewinnt an Selbstbewusstsein. Sie kann mit meiner Ermutigung etwas selbst durchsetzen“, freut sich Frauke Schmidt. Denn darin sieht sie den Sinn ihrer Arbeit.

*Name geändert

Mehr über den Diakonieverein Vormundschaften und Betreuungen e. V.


Danke, Roland Schielke, für 40 Jahre in Osdorf

Sozialarbeit hält fit. Diesen Eindruck vermittelt Roland Schielke, wenn er von seinen Anfängen als Jugendsozialarbeiter erzählt. Kaum zu glauben, dass der energisch wirkende Mann mit dem ergrauten Haar und dem akkurat gestutzten Bart in diesem Januar  in den Ruhestand geht – nach 40 Jahren sozialer Arbeit in der  Hochhaussiedlung Osdorfer Born in Hamburgs Westen.

Zur Sozialarbeit kam er durch sein Engagement in der Jugendzentrumsbewegung in den 70er Jahren. Freiräume schaffen, selbstbestimmt leben: Das waren seine Ideale. Roland Schielke verfolgte sie professionell weiter. Von 1977 an machte er Jugendarbeit in der Kirchengemeinde Maria-Magdalena mitten in der Hochhaussiedlung, die bereits seit zehn Jahren bestand. Damals ein Vorzeigeprojekt: die Architekten wollten hoch hinaus, um Grünflächen zu erhalten. Das sieht der Besucher noch heute: Der „Born“ ist grün. Aber die  Hochhäuser mit den vielen Menschen in Sozialwohnungen wurden bald ein Problemfaktor.

Einsatz für die Menschen im Stadtteil

In Hamburg lebten damals, nach der Sturmflutkatastrophe 1962, noch viele Menschen provisorisch in Gartenhäusern und bezogen erstmals eine moderne Wohnung mit Warmwasserversorgung. Da gab es Mieter, erinnert sich der Sozialarbeiter, die hielten ein Schwein im Badezimmer. In den ersten Jahren zogen aber auch bürgerliche Familien in die Vorstadt. Damals hatte die Kirchengemeinde noch 200 Konfirmanden in einem Jahrgang.

Schon in den achtziger Jahren zogen Mieter, die es sich leisten konnten, weg. Die Siedlung galt als „sozialer Brennpunkt“. Der fast 66-Jährige erzählt vorsichtig darüber. Er lässt nichts auf „seine Leute“ kommen. Gastarbeiterfamilien kamen, in den 90er Jahren die Russlanddeutschen, zuletzt die Flüchtlinge. Roland Schielke leitete inzwischen die Stadtteildiakonie. Wenn er davon erzählt, merkt man ihm an, wie gern er mit Menschen zusammenarbeitet. Er ist ein Macher, der Teams führen kann und sich nach außen hin zurücknimmt.

Abschied mit Sorgen

Die spannendste Phase seines Berufslebens sei der Umbau einer ehemaligen Grundschule zum Bürgerhaus Bornheide gewesen.  Eine langwierige und teure Angelegenheit: „Ein bisschen wie die Elbphilharmonie“, lacht der damalige Koordinator der Baustelle. Morgens war er der erste und abends der letzte, berichtet er nicht klagend, sondern begeistert. Seit 2013 organisieren hier 19 Vereine und Initiativen Service und soziale Mitmachangebote. Action sieben Tage die Woche.

Die neue Leiterin des Hauses, Christine Kruse, hat er gut eingearbeitet. Ihre Kompetenz lässt ihn beruhigt gehen. Sorgen macht ihm die soziale Entwicklung. Die Lebensmittelausgabe, die er mit vielen Ehrenamtlichen aufgebaut hat, verteilt Essen an 600 Haushalte. Sie ist die größte in Hamburg. Die Lage vieler Menschen im Osdorfer Born sei trostlos, weiß er. Bei den meisten führe das zur Lethargie. Roland Schielke bedauert das. Er will immer noch Menschen dazu bewegen, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen und etwas aus ihrem Leben zu machen. Ihm selbst ist das in 40 Jahren am Osdorfer Born gelungen.

Hier finden Sie mehr über das Bürgerhaus Bornheide.


 Männersache. Norderstedt

NOA4TV, das Lokalfernsehen in Norderstedt befragte Thomas Karrasch, Therapeut unserer Beratungsstelle Männersache zur Therapie für Männer, die Gewalt gegen Frauen ausüben.

Sie können unsere Beratungsstelle unterstützen.


PATCHWORK: Solidarität mit bedrängten Frauen

„Es reicht nicht aus, in der Beratungsstelle präsent zu sein. Wir müssen auf unser Thema aufmerksam
machen. Öffentlichkeit schaffen, um Gewalt gegen Frauen aus der Grauzone zu holen“, sagt Annette von Schröder. Sie leitet die Frauenberatungsstelle
PATCHWORK in Hamburg Ottensen. Seit 20 Jahren
unterstützen hier ehren- und hauptamtliche
Expertinnen Frauen, die unter häuslicher Gewalt oder Stalking leiden.

PATCHWORK geht neuerdings in Unternehmen. Dort ist der Umgang mit sexueller Belästigung und Stalking seit längerem ein wichtiges Thema. Noch fehlt in den Firmen das Bewusstsein für die negativen Effekte häuslicher Gewalt. Jede vierte Frau ist einmal in ihrem Leben von häuslicher Gewalt betroffen. Die psychischen Folgen ähneln denen bei sexueller Belästigung. Frauen ziehen sich zurück, haben Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, werden depressiv oder aggressiv und fehlen häufig. Die Arbeitsleistung lässt nach.

Annette von Schröder betont, Unternehmen könnten Schutzräume sein, wenn Arbeitgeber sensibel sind. Wenn ein Unternehmen häusliche Gewalt verurteile, zeige es sich solidarisch. Für Frauen sei es wichtig, ihren Arbeitgeber hinter sich zu wissen. „Es lohnt sich für die angestellten Frauen wie für die Unternehmen, die psychosozialen Ansprechpartner, wie z. B. Gesundheitsbeauftragte, fortzubilden. Wenn die wissen, wohin sie die Frauen verweisen können, ist viel gewonnen.“

PATCHWORK ist auf dem richtigen Weg. Das zeigen die Anfragen großer Hamburger Firmen.

Mehr Informationen über PATCHWORK:

 

Die Kampagne fährt Bus

Diakonie wirbt in Bussen für professionelle Sozialarbeit

„Verhandeln. Parteiisch sein zum Besten für alle.“  So lautet einer von acht Slogans auf Linienbussen zwischen Pinneberg, Hamburg, Norderstedt und Quickborn. Bis Juni 2018 macht die Diakonie mit dieser Kampagne auf die Bedeutung professioneller Sozialarbeit aufmerksam.

Die Fachkräfte acht diakonischer Einrichtungen werben mit ihrer Person und einem persönlichem Statement für die Ziele ihrer Arbeit und die Einhaltung fachlicher Standards. Sie gehören zum Diakonischen Werk Hamburg-West/Südholstein, dem kirchlichen Träger von 26 Einrichtungen im Hamburger Westen, in Pinneberg, Norderstedt, Quickborn und Toppenstedt in der Nordheide.

Mitarbeitende stellen selbst ihre Arbeit vor

„Mit der Kampagne sagen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, was sie unter kompetenter Sozialarbeit verstehen“, so Diakoniepastorin Maren von der Heyde. Die theologische Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes Hamburg-West/Südholstein weiß: Die Arbeit mit Menschen in sozialer Not fordert den ganzen Einsatz der Mitarbeiter, um ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen.

„Wir tragen in der Beratung von Müttern, Vätern und Kindern viel Verantwortung, sagt Beate Pfeiffer, Leiterin der Evangelischen Beratungsstelle für Familien in Norderstedt, „immer geht es um menschliche Schicksale.“ Das Leitmotiv ihrer Arbeit formuliert Beate Pfeiffer für die Linienbusse so: „Verantworten. Vor Gott, den Menschen und sich selbst.“

„Die Arbeit der Fachkräfte in der Sozialarbeit ist wichtig“, weiß auch Andrea Makies: „Ohne deren Engagement, ihre vielfältigen Kontakte und Netzwerke in der Stadt würde das Sozialnetz unserer Gesellschaft binnen kurzer Zeit zusammenbrechen.“ Die kaufmännische Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes Hamburg-West/Südholstein  erklärt: „Mit den Plakaten treten wir dem Trend entgegen, aus Geldnot fachliche Standards professioneller Sozialberatung zu senken und an qualifiziertem Personal zu sparen.“ Dieser Tendenz stellen die Einrichtungen aus Hamburg-Lurup, Pinneberg und Norderstedt die Leitmotive qualifizierter Arbeit gegenüber.

Deshalb verdienen die erfahrenen Fachkräfte für ihre anspruchsvolle Arbeit mehr öffentliche Wertschätzung, ist die Geschäftsführerin überzeugt: „Wir können nicht hinnehmen, dass immer weniger Fachkräfte für immer weniger Geld immer mehr Arbeit leisten müssen, weil der Staat Sozialbudgets deckelt – trotz sprudelnder Steuereinnahmen. Die Mitarbeitenden arbeiten weit über ihre Kräfte hinaus.“

Die Buswerbung will diesen Wandel im Bewusstsein unterstützen. Sie ist eingebunden in die Kampagne „Diakonie. Gut beraten“: www.diakonie-gut-beraten.de

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Oft die letzte Rettung:

30 Jahre Insolvenz- und Schuldnerberatung in Norderstedt

„Überschuldung macht Menschen fertig, materiell und psychisch“, sagt Maria Bergs. Die Leiterin der Insolvenz- und Schuldnerberatung der Diakonie in Norderstedt sieht mit Sorge, dass die Zahl der Menschen, die an Schulden scheitern, wächst.

Die Diplom-Sozialpädagogin und gelernte Kauffrau leitet die Beratungsstelle seit 29 Jahren: „Wir begreifen uns als gesellschaftliche Vermittler und sozialpolitische Interessenvertreter, die soziale Missstände erkennen, aufzeigen und sich für deren Abhilfe einsetzen. Wir halten an der Verheißung von Frieden, Gerechtigkeit und gleichberechtigter Teilhabe für alle Menschen hier und weltweit fest.’

Die Schuldenspirale unterbrechen

Rund 400 Klienten suchen jährlich Hilfe. Manchmal beginnt der negative Kreislauf unerwartet durch eine schwere Erkrankung mit anschließender Erwerbsunfähigkeit von Mutter oder Vater mit Haupteinkommen. Das Haushaltsbudget verringert sich erheblich. Das erst vor wenigen Jahren gekaufte Eigenheim muss unter Wert verkauft werden, hohe Bankforderungen bleiben zurück. Auch der mühsam gefundene Minijob des zweiten Elternteils kann das entstandene Loch im Budget der vierköpfigen Familie nicht stopfen. Für Schuldenraten bleibt nichts mehr. Allein kommen sie aus der Abwärtsspirale nicht  heraus. Maria Bergs: „Die Insolvenz- und Schuldnerberatung gibt mehr als nur einen guten Rat. Wir leisten Lebenshilfe.“

Gemeinsam mit zwei Kolleginnen berät Maria Bergs auch junge Erwachsene, die ohne berufliche Qualifikation von Aushilfsjobs leben müssen, keine Beiträge an die Rentenversicherung zahlen konnten und bei längerer Arbeitslosigkeit vor dem Nichts stehen. Zwangsvollstreckungen stehen ins Haus, Gerichtsgebühren oder anwaltliche Vertretung können nicht bezahlt werden. „Wir entwickeln gemeinsam in der Insolvenz- und Schuldnerberatung mit fachlichem Wissen individuelle Wege aus solchen Krisen.“ Die drei Team-Kolleginnen der Insolvenz- und Schuldnerberatung Norderstedt nehmen ihren diakonischen Auftrag wahr, indem sie die Menschen  in ihrer Not, ihrem Leid und mit ihren Schwächen annehmen. Gemeinsam mit den Betroffenen geht es an die Sondierung der individuell besten Lösung. Es folgt die Unterstützung und Begleitung bei der Umsetzung.  Die Mitarbeiterinnen übernehmen anwaltliche Verantwortung für Menschen, die an den Rändern unserer Gesellschaft stehen, die ausgegrenzt werden oder sich ausgegrenzt fühlen.

Nicht bei jeder Überschuldung werden diese Ziele erreicht. Doch zwischen 100 bis 120 Frauen und Männer konnten jährlich mit Hilfe der Beratungsstelle eine Gesamtentschuldung erreichen.

Kontakt: Insolvenz- und Schuldnerberatung,  Tel. (040) 82 31 57 20 www.diakonie-hhsh.de

Mehr über gute Beratung: Hier.

 

 

 

Die erste Kampagnen-Veranstaltung war ein Erfolg.
Hier der Bericht:

Sprachfähig werden

Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen.
Eine Ideensammlung in Norderstedt

Anais Herrmann

(sm) Rund 1.400 Menschen flüchteten im vergangenen Jahr nach Norderstedt. Die Erstversorgung sei weitgehend abgeschlossen, erklärte Norderstedts Sozialdezernentin Annette Reinders vor fast 200 Fachleuten, Ehrenamtlichen und Politikerinnen am 29. September im Norderstedter Rathaus. Jetzt gehe es darum, Perspektiven zu entwickeln.

Viele Ankömmlinge hätten Schlimmes hinter sich, zwischen 25 und 50 Prozent seien traumatisiert, berichtete die Traumapädagogin Anais Herrmann. Erfahrungen von Gewalt könnten die Psyche so nachhaltig verletzen, dass es zu Störungen der Wahrnehmung der Realität und des Verhaltens komme: „Traumatisierte Menschen laufen häufig mit `eingekapselten´ Aggressionen durchs Leben. Die erneute Erfahrung von Hilflosigkeit kann Verhaltensweisen auslösen, die Rätsel aufgeben. Oft schlagen sie aus scheinbar nichtigem Grund um sich, verbal oder handgreiflich. Andere ziehen sich zurück und verstummen.“

Die aufnehmende Gesellschaft stehe vor der Herausforderung, traumatisierte Menschen zu unterstützen und ihnen trotz ihrer psychischen Belastungen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Die in der sozialen Arbeit Tätigen müssten den richtigen Umgang mit „schwierigen“ Menschen lernen. Zu wissen, dass Traumatisierung die Ursache von Konflikten sein könne, brächte Entlastung und eröffne Möglichkeiten der Kommunikation. „Mir geht es um Sprachfähigkeit“, fasste Anais Herrmann ihr Anliegen zusammen.

Beate Pfeiffer, Leiterin der ev. Familienberatungsstelle Norderstedt, hatte die Veranstaltung gemeinsam mit Offiziellen der Stadt organisiert – auch mit der Absicht, Ideen für den Umgang mit Traumatisierten zu sammeln: „Unsere Erwartungen wurden übertroffen.“ In der angeregten Diskussion machten die Teilnehmerinnen unter anderem Vorschläge zur fachlichen Begleitung Ehrenamtlicher und zur Schaffung sicherer Räume für Flüchtlinge. Im Regionalen Arbeitskreis der Stadt Norderstedt, dem soziale Einrichtungen und Behördenvertreter angehören, sollen die Ideen konkretisiert werden.

Mehr erfahren: Ev. Beratungsstelle für Familien – Sicher im Leben, Norderstedt