Flüchtlinge: Die Politik gefährdet Integration

Sozialarbeit im diakonischen Geist hat es schwer

Ludger Fischer, Diakonieverein Migration Pinneberg
Ludger Fischer leitet den Diakonieverein Migration in Pinneberg.

 „Wir könnten viel mehr Integration für Flüchtlinge schaffen, wenn alle an einem Strang zögen“ erklärt der Diplom-Sozialwissenschaftler. Seit 30 Jahren arbeitet er in der Flüchtlingshilfe.

Was wir seit achtzehn Monaten leisten, als Gesellschaft, ist enorm. Wir erleben eine
Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung, die noch nie so groß war.

Anders die Politik und die Behörden. Sie schreiben sich Integration auf die Fahnen.
Aber wenn es darum geht, pragmatisch und schnell die Voraussetzungen zu schaffen, durch Sprachkurse zum Beispiel, versuchen alle Beteiligten, die Verantwortung abzugeben.

Das erschwert unsere Arbeit. Wenn die Geldgeber, beispielsweise der europäische
Sozialfonds oder die Bundesregierung, sich hinstellen und sagen, wir investieren 10 Millionen Euro, verschweigen  sie, dass ein Viertel, also 2,5 Millionen, in der Verwaltung versickert.
Die geforderte Dokumentation nimmt Ausmaße an, die effiziente Hilfe verhindert.

Die föderale Struktur der Bundesrepublik  erleichtert das Wegsehen. Jeder versucht,
Verantwortung abzugeben. Ich verbringe viel Arbeitszeit mit der Koordination der Hilfen.
Der Bund fördert nur die Flüchtlinge, die eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen
Aufenthaltstitel haben. Die anderen gehen leer aus. So produziert man Flüchtlinge
zweiter Klasse. Die meisten dieser Menschen werden aber bleiben und haben keine Chance für sich zu sorgen.

Diakonie will ganzheitliche Hilfe

Immer öfter müssen wir helfen, gesetzliche Ansprüche gegen Sozialämter und Jobcenter
durchzusetzen. Die gewähren nicht einmal die Grundversorgung. In manchen Gemeinden werden Flüchtlinge in Notunterkünften untergebracht auf niedrigem Standard. Da leben Familien mit Kindern auf engstem Raum. Die Unterkünfte sind nicht eingerichtet. Kochtopf, Herd, Kühlschrank, Waschmaschine fehlen in der Regel. So wird Verelendung programmiert.

Der Staat zieht sich aus der Verantwortung. Private Spender sollen es richten.
Man braucht Charity-Veranstaltungen, um die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Das ist die Tendenz.

Als diakonische Sozialarbeiter sehen wir den ganzen Menschen. Gerade Flüchtlinge kommen sich in den Behördenstrukturen verloren vor. Wir geben ihnen die Gewissheit, als Menschen willkommen zu sein. Die Sparauflagen und die komplizierten Zuständigkeiten erschweren diese ganzheitliche Hilfe.

Wir beraten Politiker, nehmen Einfluss, so gut wir können. Die Entscheider müssen begreifen, dass Investitionen in die Menschlichkeit, Investitionen in die Zukunft sind. Wenn die Integration versagt, werden die Probleme wachsen.

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